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Robert Urbanek arbeitet seit knapp zehn Jahren für Austria Wien und kennt den Klub durch seine Tätigkeiten in den Bereichen Fußballschule, Nachwuchs, Akademie, Frauen und Profis wie kaum ein anderer. Seit 2024 ist er Technischer Direktor bei Austria Wien und seit wenigen Monaten Teil der dreiköpfigen Sportdirektion. Im großen Interview spricht der 41-Jährige über die Zusammenarbeit mit Michael Wagner und Manuel Takacs, die Entwicklung von Spielern, den Übergang vom Nachwuchstalent zum Profi und einiges mehr.
©Daniel Shaked
Du bist seit 2016 bei Austria Wien in unterschiedlichen Bereichen (Fußballschule, Nachwuchs, Akademie, Profis) tätig. Was macht diesen Verein so besonders für dich?
Ich bin seit Kindheitstagen mit Austria Wien verbunden, bin ein großer Fan und war in meiner Jugend bei fast jedem Spiel mit dabei. Als 2016 die Anfrage von Ralf Muhr kam, musste ich nicht lange überlegen. Dieser Klub bedeutet mir viel, er gibt Freude und Ärger her, ist insgesamt sehr emotional. Das macht die Austria so besonders und zu einem großen Teil meines Lebens.
Du bist seit Mai 2024 als Technischer Direktor tätig, seit November auch als Teil der Sportdirektion. Wie kann man sich einen Tag in dieser Funktion bei Austria Wien vorstellen?
Mein Tag startet meistens mit einem telefonischen Update mit Michael Wagner und Manuel Takacs. Danach wird der Terminkalender abgearbeitet, die meisten Themen kündigen sich am Vortrag bereits an. Diese reichen von internen Meetings über Büroarbeit bis zu Beobachtungen am Platz. Als Technischer Direktor bin ich vor allem Bindeglied im Sport zwischen Nachwuchs, Akademie, Special Violets, Frauen und Young Violets. Durch die Zusammensetzung der Sportdirektion hat sich mein Aufgabengebiet nun erweitert, was das Kadermanagement für die Profis betrifft oder zum Beispiel die Vertragserstellung gemeinsam mit unserer Juristin Nina Silvester.
Du hast den Bereich Sportmanagement von Grund auf gelernt, hast keine aktive Karriere im Profifußball gehabt. Siehst du Vor- bzw. Nachteile darin, das Handwerk von der Basis her erlernt zu haben?
Grundsätzlich ist das Sportmanagement ein sehr dynamisches Gebiet. Du musst den Fußball und seine Entwicklungen und Veränderungen permanent beobachten. Unsere Spieler sind aktuell beispielsweise wesentlich früher und bereits im Nachwuchs am Radar von internationalen Scouts. Wir versuchen daher, ein Umfeld für die Spieler zu schaffen, das sie überzeugt, und sie letztlich auch vertraglich früher an uns zu binden. Diese Entwicklungen habe ich in meinen Funktionen jahrelang hautnah beobachtet und gelernt, vorausschauend zu handeln, Entwicklung zu antizipieren und laufend zu adaptieren. Die Zeit, die ich nicht als aktiver Fußballer am Platz verbracht habe, habe ich im Büro und durch „learning by doing“ genutzt, dafür fehlt mir die Erfahrung als Spieler. Hier gibt es andere Personen bei uns, die diesen Blickwinkel einbringen.
Wie läuft die Zusammenarbeit innerhalb der Sportdirektion ab?
Michael Wagner ist verantwortlich für die sportlichen Agenden der Profis, bringt den Blickwinkel als ehemaliger Profi und Unternehmer mit, ist Kommunikator und bringt Stärken in der Menschenführung mit. Manuel Takacs ist ein absoluter Experte im Spitzennachwuchsfußball, war als Trainer tätig und besitzt die UEFA Pro Lizenz. Ich selbst habe das Handwerk von Grund auf gelernt, bin seit knapp zehn Jahren im Klub tätig, kenne die Menschen hier und fungiere als Bindeglied zwischen den Bereichen im Sport. Wir ergänzen uns, bringen alle unterschiedliche Erfahrungen mit, verfolgen aber eine gemeinsame strategische Ausrichtung, mit der wir uns zu hundert Prozent identifizieren. Wir haben uns darauf verständigt, dass vollste Transparenz der Mittel zum Erfolg sein muss, daher werden alle Themen im Team besprochen. Am Ende geht’s darum, fundierte Entscheidungen im Sinne von Austria Wien zu treffen.
Eines eurer Ziele als Sportdirektion ist das Bündeln von vorhandenem Know-How im Klub, zu bestimmten Themen arbeitet ihr mit unterschiedlichen sportlichen Entscheidungsträgern zusammen. Um welche Themen geht es hierbei?
Wir sind davon überzeugt, dass viel Qualität im Verein in unterschiedlichen Bereichen vorhanden ist, sei es im Entwicklungsbereich oder auch in den Themen Scouting oder Datenmanagement. Unser Ziel ist es nun, die Bereiche und Personen besser miteinander zu verbinden, Synergien herzustellen und somit den bestmöglichen Output sicherstellen zu können. Entscheidungsträger müssen innerhalb ihres Verantwortungsbereichs ein Mandat bekommen, um Entscheidungen zu treffen.
Um hier Beispiele zu nennen haben wir mit Salih Dursun einen Datenanalysten mit viel Expertise im Klub. Wir haben mit Max Uhlig einen Trainer, der seit 10 Jahren beim Klub ist, gemeinsam mit Rene Glatzer federführend unsere Spielidee entwickelt hat und als Trainer sehr erfolgreich bei unseren Young Violets in der 2. Liga arbeitet. Wir haben mit Raphael Thonhauser einen Strategen im Klub, der alle Themen im Überblick hat und diese wesentlich vorantreibt. Wir wollen diese Experten nun noch aktiver in den Entscheidungsprozess miteinbeziehen.
Eine deiner zentralen Aufgaben ist die strategische Planung der Spielerübergänge. In diesem Bereich passiert im Hintergrund aktuell einiges. Kannst du uns einen Einblick geben, wie es gelingt zukünftig gelingen soll, die Durchlässigkeit zu erhöhen?
Der Übergangsbereich vom Nachwuchs- in den Profifußball ist ein sehr komplexes Thema, bei dem viele Parameter zu beachten sind. Oftmals habe ich das Gefühl, dass Vereine auf den einen Spieler, der mit 17 Jahren überragend ist, warten. Solche Generationstalente sind jedoch ganz selten. Wir haben im Klub ein Ziel festgelegt, die Durchlässigkeit zu erhöhen. Das Mittel zur Erreichung dieses Ziels ist unsere gemeinsame Strategie. Wir werden im Übergangsbereich Systematiken und Vorgehensweisen implementierten, wie beispielsweise Spielerrollen, Jahrgänge oder Zyklen, die einen Rahmen vorgeben, innerhalb dessen Spieler ihre nächsten Schritte gehen. Zudem werden wir den Übergangsbereich personell besetzen, um die Entwicklung unserer Talente genau im Blick zu haben.
Wie gelingt der Spagat aus mannschaftlichem Erfolg (Aufstieg Young Violets, Meistertitel U16 und U18) und individueller Spielerentwicklung?
In unserem Ausbildungsweg haben wir den Fokus vermehrt auf die individuelle Spielerentwicklung gelegt und den reinen Blick auf das Ergebnis in den Hintergrund gerückt. Jetzt treten wir seit einigen Jahren den Beweis an, dass mannschaftlicher Erfolg und individuelle Spielerentwicklung Hand in Hand gehen und sich nicht ausschließen. Wir haben Individualtrainer installiert, Positionsprofile erarbeitet. Es hat eine Zeit und vor allem Aufklärungsarbeit und Kommunikation gebraucht, bis diese Kultur und Denkweise etabliert wurde.
Das aktuell beste Beispiel für dieses Vorhaben sind unsere Young Violets, die mit einer Mannschaft aus 90 Prozent Eigenbauspielern die zweite Liga aufmischen und aktuell die beste Zweitvertretung sind. Entwicklung verläuft nicht immer linear und wir verlieren auch nicht die Nerven in ergebnistechnisch schwierigeren Phasen. In der vergangenen Saison, als es um den Aufstieg der Young Violets und den Meistertitel der U18 ging, haben wir unsere Handlungsweise nicht verändert und sind unserer Linie treu geblieben.
Die Kader in der Akademie und bei den Young Violets wurden in den letzten Jahren wesentlich jünger zusammengestellt. Wann ist der richtige Schritt, um einen Spieler in die nächsthöhere Mannschaft hochzuziehen?
Es ist wichtig, dass ein Spieler in einem Umfeld eingesetzt wird, wo er leicht, aber nicht übermäßig überfordert ist. Durch leichte Überforderung kann stetige Entwicklung und eine schnelle Anpassung an das höhere Leistungsniveau stattfinden, übermäßige Überforderung sorgt jedoch für Frust und eine geringe Selbstwirksamkeit des Spielers im Spiel. Parameter wie das biologische Alter, die körperliche Konstitution und die aktuelle Leistungsfähigkeit spielen eine wichtige Rolle. Hier sind die Trainer stark involviert, sie arbeiten tagtäglich mit den Spielern. Es geht um fundierte Entscheidungen im Sinne des jeweiligen Spielers. Wir werden nicht immer richtig liegen, wollen dem Spieler aber eine bestmögliche Chance zum bestmöglichen Zeitpunkt bieten. Auch im Nachwuchs achten wir bereits sehr stark auf diesen Entwicklungsplan.
Robert Urbanek lebt auch bei den Spielen mit
Wie geht ihr damit in der Kommunikation mit den Spielern um?
Klarheit schafft Sicherheit. Wir kommunizieren klar und ehrlich mit den Spielern. Wir erklären ihnen, warum wir ihn aktuell in welcher Mannschaft einsetzen und was der mittel- und langfristige Plan mit ihnen ist. Für einen Young-Violets-Spieler bei der U18 zu spielen, darf also nie als eine Bestrafung missinterpretiert werden, sondern soll eine Chance sein, auf Spielminuten zu kommen und sich so wieder für höhere Aufgaben zu beweisen. Nur weil ein Spieler vielleicht aktuell noch nicht bereit ist, kann sich die Situation in wenigen Wochen schon wieder schlagartig ändern, so dynamisch ist Spielerentwicklung. Wichtig ist, dass unsere Fokusspieler Spielminuten sammeln und am besten in der Mannschaft, in der sie leicht überfordert sind. Hier findet viel Kommunikation statt. Wir wollen aber noch intensiver, transparenter und frühzeitiger kommunizieren.
Das Umfeld, Familie und Berater spielen beim Thema Spielerentwicklung ebenfalls eine wichtige Rolle. Wie läuft da die Zusammenarbeit?
In den meisten Fällen läuft die Zusammenarbeit mit dem Umfeld gut, wir haben das gleiche Ziel, aber manchmal unterschiedliche Wege, um dort hinzukommen. Wir können möglichst objektive Entscheidungen im Sinne der Spieler treffen. Das direkte Umfeld hat ihren jeweiligen Schützling im Fokus, was vollkommen verständlich ist. Was wir machen, ist dem Umfeld einen klaren Plan vorzulegen und zu zeigen, dass uns die Entwicklung des jeweiligen Spielers am Herzen liegt. Wir haben gerade in der jüngsten Vergangenheit gezeigt, dass wir Entscheidungen immer im Sinne unserer Spieler treffen und unseren Fokus auf die Ausbildung dieser legen.
Weiters habt ihr in den letzten Jahren Spielerprofile definiert, die zur Spielidee von Austria Wien passen sollen. Wie seid ihr hier vorgegangen?
Uns war es wichtig, die Spielerprofile breiter aufzustellen und an die Anforderungen des modernen Fußballs anzupassen. Das bedeutet für uns, dass wir auf unterschiedlichen Positionen Spieler mit unterschiedlichen Attributen fördern wollen. Wir wollen weiterhin Spieler mit Austria-Prägung forcieren, die kreative Lösungen mit dem Ball auf engem Raum finden. Darüber hinaus wollen wir aber beispielsweise robuste Defensivspieler mit einer gewissen Größe ausbilden, Angreifer mit Tiefgang und Tempo entwickeln. Man konnte sehen, dass wir in den vergangenen Jahren Spieler mit unterschiedlichen Profilen hervorgebracht haben, die interessant für internationale Klubs sein können. Und unser Zugang ist es, in unseren Spieler die Stärken zu sehen und zu fördern.
Am Beispiel Filip Lukic erkennt man auch, dass ihr retardierten, spätentwickelten Spielern die notwendige Zeit gebt, sich zu entwickeln?
Auf jeden Fall. Filip Lukić bringt außergewöhnliche Fähigkeiten mit dem Ball mit, das war bereits im Nachwuchs offensichtlich erkennbar. Die Jahre in der Akademie waren nicht leicht, er war in seiner Altersklasse aufgrund seiner körperlichen Voraussetzungen übermäßig überfordert, aber wir haben die Geduld mit ihm gehabt und er selbst hat auch in Phasen mit weniger Spielzeit nie aufgegeben. Jetzt ist er so weit, dass er ein Leistungsträger der Young Violets ist und tolle Spiele in der 2. Liga absolviert hat. Sein Beispiel zeigt, dass es keine Schablone für den Weg zum Profifußballer gibt. Es gibt Spieler, die bereits früh bereit sind für den Sprung nach oben, bei anderen dauert es etwas länger. Hier bedarf es neben einem Plan auch Geduld, Expertise und ein gemeinsames Kommittent, bei dem auch das Umfeld eine gewichtige Rolle spielt. Ein großer Vorteil für Filip war auch, dass Max Uhlig ihn bereits im Nachwuchs in der U12 und U14 trainiert hat und ein großer Förderer von Filip war.
Ein weiterer Punkt ist die Kontinuität bei den Trainerteams im Entwicklungsbereich. Welchen Stellenwert hat dieses Thema für euch?
Es war uns ein großes Anliegen, jene Trainer in der Akademie und bei den Young Violets zu halten, die sich mit unserer Idee identifizieren und eine hohe Expertise im Bereich Spielerentwicklung mitbringen. Natürlich kann es passieren, dass Trainer den nächsten Schritt machen und abgeworben werden. Unser Ziel ist es, nicht nur Spieler sondern auch Trainer und Mitarbeiter auszubilden.
Wie sollen Kader zukünftig geplant werden?
Sie sollen gemeinsam und gemäß unserer strategischen Ausrichtung anhand der Spielerrollen geplant werden. Beim Kader der Profis wollen wir zunächst schauen, welche Eigengewächse für den nächsten Schritt bereit sind. Parallel haben wir den Markt im Blick und schauen, welche Benchmarkspieler auf bestimmten Positionen interessant sein könnten. Wichtig ist es, das Bewusstsein dafür zu verankern, zunächst einen Blick in den eigenen Stall zu werfen.
Nach der U17-Weltmeisterschaft in Katar haben auch einige österreichische Talente das Interesse bekundet zu Austria Wien zu wechseln. Wie hast du diese Situation erlebt?
Wir wollen den österreichischen Weg gehen, dadurch sind natürlich auch Talente anderer Klubs interessant für uns. Zunächst geht der Blick wie erwähnt in die eigenen Reihen. Wir wollen die Anlaufstelle für junge Österreicher sein, die bei uns die Möglichkeit sehen, Profi zu werden. Es ist unser großes Ziel für die Zukunft, dass wir uns als Klub positionieren, der hier die beste Plattform bietet.
Unsere U19 hat den REWE Juniorcup 2026 in Göttingen zum sechsten Mal gewonnen. Du warst selbst vor Ort, welchen Stellenwert hat das Turnier in Göttingen?
Beim größten Hallenturnier Europas teilzunehmen und zu gewinnen ist immer etwas besonderes. Mit der Teilnahme am REWE Juniorcup aber auch am Al Abtal Cup oder der UEFA Youth League wollen wir unseren jungen Spielern das erste Mal mit diesem Druck in Wettkampfsituationen in Verbindung bringen. Dabei wollen wir diese Siegermentalität fördern und unsere Spieler auch auf mediales Interesse vorbereiten. Deshalb genießen diese Turniere einen hohen Stellenwert bei uns.